Am Grab des Flakhelfers
Ich muß zugeben, ein sadistischer Teil von mir hat Jürgen Habermas gewünscht, daß er das Ende seiner BRD noch miterleben muß.
(Jürgen Habermas: Európa Pont, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Ich befand mich auf Reisen, als mein Telefon summte. „Jetzt geht’s aufwärts“, stand da nur. Ich wußte damit überhaupt nichts anzufangen und schickte nur Fragezeichen zurück. Als Antwort kam ein Link zu einer Meldung des Todes von Jürgen Habermas. Am selben Abend war ich auf einer Veranstaltung. Die Jüngeren unter den Anwesenden wußten mit dem Namen Habermas nichts anzufangen.
Das faßt eigentlich schon zusammen, was es zu sagen gibt. Während Habermas für die Älteren zu denjenigen gehört, deren Ableben einen Streit darüber auslöst, ob man sich über den Tod eines Menschen freuen darf, wissen die Jungen noch nicht einmal, wer er war. Nun, Jürgen Habermas war ohne jeden Zweifel der Staatsphilosoph der Bundesrepublik. Die Einteilungen der Epochen bundesrepublikanischer Geschichte verlaufen in Bonner und Berliner Republik, in Adenauerrepublik, Brandtrepublik, Kohlrepublik und Merkelrepublik. Aber über alle Epochengrenzen hinweg war es die Habermasrepublik. Nicht weil er sie besonders geprägt hätte. Im Gegensatz zu gewissen Konservativen, die bis heute glauben, der Historikerstreit hätte im Rahmen der BRD auch anders ausgehen können, denke ich nicht, daß irgendetwas anders gekommen wäre, wenn Jürgen Habermas nie gelebt hätte. Doch Habermas hat die Bundesrepublik repräsentiert wie kein anderer, und das mit großem Abstand. So sehr, daß die Frage, wie es mit diesem Staat nach seinem Tod weitergehen soll, zumindest von einem symbolischen Standpunkt aus nicht unberechtigt scheint. Wenn Axel Honneth seinen Nachruf in der FAZ1 schlicht mit „Sollte er nicht ewig leben?“ übertitelt, dann klingt da mehr mit als nur die Leere in einem inzwischen selbst 76jährigen Schüler, dessen Lehrer bis dahin immer noch am Leben geblieben war.
Ich muß an dieser Stelle übrigens sagen, daß ich dem nun auch wieder ausgeschütteten Hohn über Habermas’ umständlichen Jargon nur in Bitterkeit zustimmen kann. Ja. Habermas hat, das hat bereits Popper2 recht eindrücklich demonstriert, durch komplizierte Wortwahl komplexe Gedanken simuliert. Aber wir können heute sagen, daß wir diese schwurbelnde Epoche gerade deutschen Denkens, für die Habermas nur der herausragendste Repräsentant war, nur deshalb hinter uns gelassen haben, weil wir in der Degeneration weiter fortgeschritten sind. Die Generation Habermas versuchte wenigstens noch, die Komplexität der großen Denker des 18. und 19. Jahrhunderts in der Äußerlichkeit des Satzbildes nachzuahmen. Wir haben diesen Versuch inzwischen aufgegeben. Es besteht aller Grund zu der Annahme, daß der genetische Verfall der Intelligenz inzwischen zu weit fortgeschritten ist.
Wobei wir bei der Zuschreibung des Jürgen Habermas zu einer Generation vorsichtig sein müssen. Als Gelehrter gehörte Habermas der Generation derjenigen an, die zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Studentenrevolte studiert hatten. Er war also jemand, der einen bestimmten Standard akademischer Ausbildung genossen hatte. Als Repräsentant einer Epoche aber gehört er zur Generation der Flakhelfer. Günter Maschke war es gewesen, der das Wort von der „Verschwörung der Flakhelfer“ geprägt hat, welche die Bundesrepublik übernommen haben solle. Nun, verschworen oder nicht, diese Flakhelfer waren die kürzeste Generation der deutschen Geschichte. Sie umfaßt allenfalls fünf Jahrgänge. Denn die Flakhelfer, das waren diejenigen, die nicht mehr eingezogen wurden oder allenfalls erst in den letzten Kriegsmonaten. Sie hatten keine Kriegserfahrung außerhalb der Heimat. Waren nicht in Polen, Norwegen, Frankreich, Afrika oder Rußland gewesen. Die Siege hatten sie nur in den Nachrichten mitbekommen, und das als Kinder. Zur Zeit des Zusammenbruchs aber waren sie schon alt genug, um die Ereignisse mit einem eigenen Weltbild wahrzunehmen. Bei ihnen fielen die Erfahrung der Niederlage und der Beginn der Umerziehung schon entwicklungsbiologisch mit der Pubertät zusammen, was kaum überschätzt werden kann. Daß Jürgen Habermas die Bundesrepublik so konkurrenzlos repräsentieren konnte, liegt daran, daß diese Kohorte naturgemäß sehr schmal sein mußte.
Von allen Älteren unterschieden sich die Flakhelfer darin, daß sie aus Sicht der neuen Machthaber nach 1945 unbelastet waren. Von allen Jüngeren aber unterschieden sie sich durch die erlebte Erfahrung, daß ein politischer Machtwechsel den Verräter zum Helden und den Helden zum Verbrecher machen kann. Auch die spätere Erfahrung der Ostdeutschen kommt dem nicht annähernd gleich, wenn man von einzelnen Funktionären des SED-Systems absieht. Bei weitem nicht alle Flakhelfer haben diese Erfahrung auf dieselbe Weise verarbeitet. Die Flakhelferverschwörer und ihr Kopf Jürgen Habermas aber reagierten dadurch, daß sie sich verbissen mit den neuen Verhältnissen identifizierten. Das war mehr noch als selbst der Eifer von Konvertiten. Es war die Angst von Janitscharen, die nicht noch einmal zwangsbekehrt werden wollten, die nichts sehnlicher wünschten, als jetzt bis ans Lebensende auf der Seite der Guten angekommen zu sein.
Aus diesem Grund verliert die Bundesrepublik mit den letzten Flakhelfern ihre letzten fanatischen Verteidiger. Für die Boomer geht es nicht um ihre Identität, sondern um ihre Renten und die Möglichkeit, diese im Frieden zu genießen. Sie wollen ihren Lebensabend im Wohlstand und mit einem Minimum an politischen Unruhen verbringen. Ihre Treue zur Bundesrepublik beruht einzig und allein auf dem Versprechen, beides garantieren zu können oder zumindest besser als alle Alternativen.
Weil er der eiferndste aller Janitscharenhauptmänner war, habe ich früher Jürgen Habermas gewünscht, eine zweite Zwangsbekehrung noch erleben zu müssen. Genug zu verantworten hat er ja. Nun sehe ich versöhnlicher auf ihn zurück, der auch ein deutsches Schicksal verkörpert hat. Ein bloß erlittenes; denn entgegen Maschke muß man fragen, was denn die Flakhelfer hätten anders machen sollen? Sie waren die hilfloseste Generation. Um im Krieg zu kämpfen, waren sie zu jung gewesen, und als Deutschland wieder möglich wurde, hatten sie sich an die Machtlosigkeit gewöhnt. Das Handeln des anderen bedeutenden Flakhelfers, Helmut Kohls, dem die Wiedervereinigung mehr passierte, als daß er sie herbeiführte, legt davon Zeugnis ab. Es war ein deutsches Schicksal, das mit Jürgen Habermas endlich zur Ruhe gelegt werden kann.


