Fragen zur Zeit

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Asymmetrisches Reputationsrisiko

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Johannes Konstantin Poensgen
Feb. 28, 2026
∙ Bezahlt

Für Israel riskiert Donald Trump am Persischen Golf den Westpazifik. Chinas Risiko ist minimal. Amerika droht der Verlust eines halben Kontinents. Falls sie in Peking derzeit Schußgeräusche hören, das sind die Sektkorken.

(Träger Dweigt D.Eisenhower und USS Gerald R. Ford: United States Navy, Public domain, via Wikimedia Common)

Wenn ein Flugzeugträger sinkt, dann war es das für Amerika im Westpazifik. Von Tokio bis Jakarta gäbe niemand mehr eine tote Ratte auf amerikanische Sicherheitsgarantien. Ja, ein worst case scenario (aus amerikanischer Sicht jedenfalls), aber kein unmögliches. Als Warnung veröffentlichten die Chinesen die letzten Tage beständig Satellitenbilder amerikanischer Schiffe und Stützpunkte. Keine unscharfen Bilder im Landkartenformat, sondern Fotos, die aussehen, als wären sie von einer Drohne hundert Meter über dem Träger aufgenommen worden.

Die Ukraine liefert die Blaupause: Dort liefern die Vereinigten Staaten seit vier Jahren nicht nur Waffen, sondern auch Aufklärungsdaten. Die Russen tolerieren das nicht deshalb, weil es irgendeinen Paragraphen im Kriegsrecht gäbe, wonach die Bereitstellung von Zieldaten keine Kriegsbeteiligung sei. Völkerrechtlich wäre die NATO Kriegspartei. Punkt. Aber was soll das Völkerrecht? Rußland hat keine Möglichkeit zur symmetrischen Reaktion. Also, bis vor ein paar Stunden hatte es die nicht. Davor aber gab es keine mögliche russische Reaktion, die nicht direkt in den Dritten Weltkrieg geführt hätte. Moskau blieb nichts, als die Zähne zusammenzubeißen, zu lächeln und sich durch den waffenfähigen Teil des ukrainischen Volkes zu fräsen. Wobei die Definition von waffenfähig hier inzwischen arg strapaziert ist.

Ohne Not hat Donald Trump sein Land in eine ähnliche Situation gebracht. Das heißt: ohne staatspolitische Not. Er privat wurde von zionistischen Kreisen wieder ins Präsidentenamt gehievt, und in seiner altersbedingten Tütteligkeit bringt er es inzwischen ja fertig, auf offener Bühne darüber zu plaudern, wie Miriam Adelson ihn finanziert hat, damit er im Austausch israelische Interessen durchsetzt.

In Peking knallen die Sektkorken. Nicht nur hat der geopolitische Hauptrivale sich in eine Sackgasse manövriert. Peking hat im Grundkonflikt innerhalb des Dreiecks China–Iran–Rußland das Gewinnerlos gezogen. Dort gab es immer einen doppelten Interessenkonflikt. Antiamerikanismus allein ist keine Basis für politische Kooperation. Gerade eine bestimmte Art westlicher Beobachter, die sich von Moskau, Peking oder auch Teheran eine Befreiung vom amerikanischen Joch erhoffen, haben das Bild einer geeinten antiimperialistischen Achse an die Wand gemalt, die so nicht existiert. Denn zum einen sind die Hauptinteressen aller drei Mächte in je unterschiedlichen Erdteilen: Chinas in Ostasien, Rußlands in Osteuropa, Irans im Mittleren Osten. Keins der drei Länder ist besonders erpicht darauf, seine Soldaten für die Interessen eines der anderen in den Tod zu schicken. Gleichzeitig wäre es aber im Interesse jedes dieser drei Länder, daß einer der anderen in den offenen Konflikt mit den Vereinigten Staaten gerät. Einmal erhöht das innerhalb dieses lockeren Bündnisses die Verhandlungsmacht, wenn der andere unmittelbar auf Hilfe angewiesen ist, vor allem aber ist es natürlich immer besser, wenn ein Verbündeter die Hauptlast eines großen Krieges trägt.

Die Volksrepublik China war schon der größte Profiteur des russisch-ukrainischen Krieges. Der jetzige Krieg um den Iran weist eine Risikostruktur auf, die für China nicht besser sein könnte. Es besteht ein asymmetrisches Reputationsrisiko. Um das zu verstehen, müssen wir einmal vom Mittleren Osten absehen und uns dem Schauplatz zuwenden, auf dem jeder direkte Zusammenstoß zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China stattfinden würde: dem Westpazifik.

[Für den zweiten Teil abonnieren Sie bitte Fragen zur Zeit. Ein Vollabonnement kostet nur 7 Euro im Monat, und man braucht keine Kreditkarte mehr. Ich schreibe das nun hier extra hin, weil mir immer wieder Leute kommen, die meinen, nur weil ich die Bezahlschranke nicht nach den ersten fünf Zeilen setze, sei der Text zu Ende. Wenn Sie von hier aus weiterlesen können, dann sind Sie bereits ein Vollabonnent und dürfen sich nicht angesprochen fühlen.]

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