Atombomben für alle!
Enthauptungsschläge gegen die Kommandostruktur stellen die nukleare Nichtverbreitung radikal infrage.
(“Ivy Mike” die erste Wasserstoffbombe: Photo courtesy of National Nuclear Security Administration / Nevada Site Office, Public domain, via Wikimedia Commons)
Die folgenschwerste Erklärung zum Irankrieg stammt von Polens Premierminister Donald Tusk: „Wir investieren stark in künftige Atomkraftwerke, und Polen wird nicht passiv sein wollen, wenn es um die nukleare Sicherheit im militärischen Kontext geht. Wir arbeiten mit unseren Verbündeten zusammen ... so unsere Fähigkeiten steigen, werden wir versuchen Polen in dieser Sache zu selbstständigen Handlungen zu befähigen.“
Mit anderen Worten: Der polnische Premierminister hat öffentlich die eigenständige nukleare Aufrüstung zum Ziel der polnischen Politik erklärt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß Tusk erst einmal im Rahmen von nuklearer Teilhabe operieren will, also kein „Rennen zur Bombe“. Die nukleare Nichtverbreitung war nie ernsthafter gefährdet als jetzt und das hat Gründe.
Wir leben seit etwa 150 Jahren in einer Zeit, in der sich die Technologie so schnell weiterentwickelt und gleichzeitig Kriege zwischen erstrangigen Gegnern so selten sind, daß jeder Krieg zu einem Echtzeitlabor wird. Erst auf dem Schlachtfeld findet man heraus, wie Krieg zu einem gegebenen Zeitpunkt dann wirklich geführt wird. Das unterscheidet Kriege in unserer Epoche grundlegend von denen früherer Zeiten. Auch damals gab es technische Entwicklung, aber sie war langsamer und vor allem kaum disruptiv. Langsam, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, nahm die Zahl der Musketiere zu und die der Pikeniere ab. Aber in den Tagen eines Vauban konnten Militäringenieure ausrechnen, wie lange es dauern würde, bis eine gegebene Festung sturmreif war. Es gehörte zum Ehrenkodex, daß man sich nach Ablauf dieser Zeit ergeben durfte. Die Artillerie verbesserte sich mit der Zeit, aber nur langsam und die Geschwindigkeit mit der ein Graben angelegt werden konnte, war 1750 keine andere als 1650.
Sollte man das Ende dieser technologischen Planungssicherheit auf ein Datum festnageln, so wäre dies der deutsch-deutsche Krieg von 1866. Dieser Krieg war in seinem Kern eine Wette darauf, ob das schnell nachzuladende, aber ungenau schießende Zündnadelgewehr bei ausreichender Feuerdisziplin Bajonettangriffe auf kurze Distanz von unter 300 Metern zerschlagen würden. Entgegen der preußischen Legende waren die österreichischen Vorderlader nicht veraltet, sondern tatsächlich moderner als die preußischen Hinterlader. Sie schoßen langsamer, aber die Reichweite dieser 1854 eingeführten Lorenzgewehre war größer, ihre Treffsicherheit besser als die der Dreyse Zündnadelgewehre der Preußen von 1841. Im erst ein Jahr zuvor beendeten amerikanischen Bürgerkrieg war das Lorenzgewehr das drittmeistgenutzte Gewehr gewesen, übertroffen nur von der amerikanischen Springfield Model 1861 und der britischen Pattern 1853 Enfield. Beide, wie das Lorenzgewehr, Vorderladermusketen mit gezogenen Läufen.
Der amerikanische Bürgerkrieg war übrigens das letzte Hurra der Brown Bess gewesen, einer britischen Muskete, die seit 1722 im Dienst gewesen war. Das heißt: Diese Waffe war eingeführt worden im Todesjahr des Herzogs von Marlborough und hatte den britischen Infanteristen von der Belagerung Gibraltars durch die Spanier 1727–29 über die österreichischen Nachfolgekriege (für und gegen Preußen, aber immer gegen Frankreich), den Jakobitenaufstand unter Bonnie Prince Charlie, den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, die Revolutions- und napoleonischen Kriege bis in den Krimkrieg begleitet. Jeder Feind und jeder britische Soldat selbst hatten gewußt, was das für eine Waffe ist und was sie leistet und das war bei allen anderen Armeen nicht anders gewesen. Auf einmal wußte man das nicht mehr. Man konnte nur noch spekulieren und was eine Waffe eigentlich wert ist, findet man seitdem auf dem Schlachtfeld erst heraus.
Die österreichische Doktrin sah Feuergefechte auf lange Distanz und Bajonettangriffe vor. Die Preußen rechneten dagegen darauf, das österreichische Feuer zu unterlaufen und dann den Sturmangriff mit schnellen Salven zerschlagen zu können. Der deutsch-dänische Krieg von 1864 wurde von den Preußen wie Österreich dazu genutzt, ihre Doktrinen einmal bei geringerem Risiko auszutesten. Und hier passierte etwas, was in Zukunft häufiger vorkommen sollte. Beide kamen zu dem Ergebnis, daß ihre Doktrinen gegen die numerisch wie technologisch unterlegenen Dänen, in einem Krieg der fast ausschließlich aus Belagerungen bestand, sich aufs glänzendste bewährt hatten.
Auf dieser Informationslage wurde also der 66er Krieg ausgetragen. Bis dahin waren Fälle in denen ein ganzer Krieg an einer neuen Waffe hing fast nie in der Weltgeschichte vorgekommen. Man müßte bis zur Belagerung von Konstantinopel durch die Araber 674–678 zurückgehen, in der zum ersten Mal griechisches Feuer eingesetzt wurde, um die arabische Flotte zu vernichten. Aber auch dieser Vergleich hinkt. Die Byzantiner hatten keine Wahl gehabt als dem Arabersturm standzuhalten. Kaiser Konstantin IV. hat nicht im Vertrauen auf eine kaum erprobte Waffe die Entscheidung zum Krieg getroffen. Bismarck aber stand vor der Entscheidung, ob er die Zukunft Preußens und Deutschlands auf die Dynamik zwischen Zündnadelgewehr und gezogener Muskete verwetten solle oder nicht. Diese vorher unbekannte Unsicherheit gehört seit 1866 zu jedem Krieg dazu.
Kleinere Kriege als Testlabor zu verwenden, um irgendwie herauszufinden, wie die gerade moderne Militärtechnologie überhaupt wirkt, wurde zum Muster. Vor dem ersten Weltkrieg dienten der japanisch-russische sowie die Balkankriege als Testfälle, vor dem zweiten Weltkrieg der spanische Bürgerkrieg. Der Ukrainekrieg wird von den Natostaaten als Testlabor gegen Rußland betrachtet und der Irankrieg erfüllt für China gegenüber den Vereinigten Staaten dieselbe Funktion. In all diesen Fällen zeigte und zeigt sich dasselbe Problem wie in Dänemark: Kleine Kriege sind nicht dasselbe wie große Kriege und erst recht nicht in einer Zeit, in der unterschiedliche Armeen auf verschiedenem technologischen Stand sind.
1945 kam die Atombombe. Mit ihr verabschiedete sich die Militärplanung für den äußersten Ernstfall gänzlich in die Theorie. Alle Planspiele, alle Doktrinen um den Einsatz von Atomwaffen waren nicht nur schlecht erprobt oder nur unter den Bedingungen eines anderen Krieges, von anderem Ausmaß und anderen geographischen Bedingungen. Sie waren nackte Theorie. Die Anfänge der Spieltheorie waren untrennbar mit der Planung des Atomkrieges verbunden. In Abwesenheit jeglicher Erfahrung suchte man Zuflucht bei mathematischen Modellen, um irgendeine Gewißheit zu erlangen. Zumindest versuchte man das so lange, bis Johann von Neumann, der Vater der Spieltheorie, zu dem Ergebnis kam, daß der nukleare Erstschlag die einzige rationale Handlung sei.
Dem folgte Eisenhower dann doch nicht. Aber die Modelle von Neumanns und seiner Kollegen von der RAND Corporation prägten fundamental die Art und Weise, wie seither über Nuklearwaffen nachgedacht wird.
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