Fragen zur Zeit

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Der Wandel der Wehrverfassung

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Johannes Konstantin Poensgen
Dez. 31, 2025
∙ Bezahlt

Wehrpflicht ja oder nein? Die Debatte tut so, als hätten wir 1814. Sie ist völlig aus der Zeit gefallen. Das Militär ist nicht mehr der Demokratisierer des Staates

(Bildmontage: Fragen zur Zeit; Scharnhorst: Friedrich Bury, Public domain, via Wikimedia Commons; Prigoschin: Михаил Метцель / ТАСС, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)





Die Wehrpflicht ist nicht vom Himmel gefallen. Staatsverfassung und Wehrverfassung sind geschichtlich untrennbar miteinander verbunden. Man wird mir zu Recht Vereinfachung vorwerfen, aber es ist eine notwendige Vereinfachung, weil sie etwas sehr Wesentliches zeigt: Das Lehenswesen des Mittelalters ruhte auf den Steigbügeln, mit denen der gepanzerte Ritter seine Lanze durch jeden Haufen schlecht organisierten Fußvolkes treiben konnte. Die Demokratie kam aus dem Gewehrlauf. Genauer: Sie kam aus dem Lauf der in Massen abgefeuerten, grob in die richtige Richtung zielenden Muskete.

Durch ihren hohen Streuwinkel machte die Muskete die Fähigkeiten des einzelnen Schützen nahezu irrelevant. Wichtig war allein, daß er im Takt des Reglements nachlud und feuerte. Vier Schuß die Minute nach preußischem Exerzierreglement. Das mußte man in der Tat eine Weile üben, und Friedrich der Große klagte gegen Ende des Siebenjährigen Krieges, daß er mit zwei Regimentern von Kriegsbeginn siegen würde. Die eilig ausgehobenen und ausgebildeten Truppen hatten nicht mehr dieselbe Disziplin. Aber wenn die ganze Einheit einmal im Takt lud und schoß, dann galt: One man one bullet. In dem auf Friedrich folgenden Jahrhundert wurde vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg über die Revolutions- und Napoleonischen Kriege bis zu den deutschen Einigungskriegen aus one man one bullet one man one vote.

Der technologische Massenkrieg des 20. Jahrhunderts griff diese demokratische Wehrverfassung auf drei Ebenen an. Die erste ist die bekannteste. Viele moderne Waffensysteme kosten ein Vermögen. Der heutige Kampfpilot gleicht dem Ritter zumindest darin, daß er mit einer Ausrüstung in den Krieg zieht, die sprichwörtlich so viel wert ist wie ein ganzes Dorf, mit allem, was drinnen ist.

Weniger sichtbar war die Tatsache, daß diese Kriegsführung einen bisher ungekannten Verwaltungsaufwand erforderte. Der Ursprung dessen, was wir heute Managerialismus nennen, der heutige Verwaltungsstaat, der eben nicht mehr mit 4 Prozent Einkommenssteuer auskommt, liegt in den Weltkriegen. Man konnte viele Aspekte dieses modernen Staates bedauern, gerade der preußische Adel wehrte sich gegen Armeereformen, die die letzten Reste junkerlicher Lebensart auf den Müllhaufen der Geschichte werfen mußten. Aber es blieb dabei, daß nur der moderne Verwaltungsstaat in der Lage war, Millionenheere mit Nahrung, Munition, Uniformen, Schuhen, Feldpostanbindung und Kondomen zu versorgen.

Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß sich schnell die Nachteile dieser managerialen Kriegsführung zeigten: die typische Inflexibilität der Massenverwaltung. Dem britischen Feldmarschall Haig werden bis heute Vorwürfe gemacht, daß er nach der Eröffnung der Somme-Schlacht am 1. Juli 1916, dem mit 60.000 Toten und Verwundeten blutigsten Tag der britischen Militärgeschichte, die ganze Operation nicht abblasen ließ. Ja, die taktische Grundannahme des Schlachtplans, daß das britische Trommelfeuer die deutsche Widerstandskraft zerschlagen würde, hatte sich als falsch erwiesen. Doch die Offensive war im Dezember 1915 mit den anderen Ententemächten beschlossen worden. Die logistischen Vorbereitungen hatten ein halbes Jahr gedauert. Eine andere Schlacht als diese war zeitgleich mit der französischen Gegenoffensive bei Verdun und der russischen Brussilow-Offensive nicht möglich. Also blieb Haig nichts übrig, als seine Männer bis zum 18. November weiter an die deutschen Maschinengewehre zu verfüttern.

Gleichzeitig aber stellte der technische Krieg wieder höhere Anforderungen an den einzelnen Soldaten. Die Muskete mußte, wie gesagt, nur grob in die richtige Richtung abgefeuert werden, und zwar von allen Soldaten der Kompanie gleichzeitig. Aber schon in den Gräben des Ersten Weltkrieges bemerkten so unterschiedliche Personen auf so unterschiedlichen Positionen wie Jünger und Ludendorff, was zuerst kontraintuitiv erschien: Anstatt daß der industrielle Krieg den Einzelnen weiter entwertete, wurde er überhaupt wieder in seiner persönlichen Kriegertugend relevant. Es beginnt mit dem persönlichen Mut, damit, daß die Kontrolle der Offiziere über die verstreuten Einheiten sank. Der Soldat des demokratischen Massenheeres mußte in der Linie stehen. Einen Soldaten des mechanisierten Krieges zu zwingen, das Schützenloch zu verlassen, in dem er während des Trommelfeuers hatte Deckung nehmen müssen, war viel schwieriger. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges sahen manche deutschen Generäle das gar als Argument für die Offensive, weil dabei die ganze Einheit geschlossen aus dem Graben gehen mußte.

Auch die persönlichen Fähigkeiten erhielten wieder Gewicht: Ein modernes Gewehr ist das Gegenteil einer Muskete. Es ist präzise, aber nur, wenn der Schütze auch in der Schlacht noch zielen kann. Je nachdem, wer schießt, hat es eine effektive Kampfentfernung von 50 oder von 500 Metern. Eine Handgranate ist in den falschen Händen vor allem eine Gefahr für den, der sie wirft, sowie seine ganze Einheit.

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