Unter allen politischen Denkern der Geschichte hat keiner einen so schlechten Zeitpunkt erwischt wie Robert Filmer. Seine „Patriarcha“ ist der politische Rückblick des Agrarzeitalters.
(Bildmontage: Fragen zur Zeit; Robert Filmer: Tomitoch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons; Römischer Pater Familias mit Sohn: Daderot, Public domain, via Wikimedia Commons)
Robert Filmer ist heute fast ausschließlich dadurch bekannt, daß John Locke sich im ersten der „Two Treatises of Government“ an ihm abgearbeitet hat. Oder besser an dem Strohmann, den er von Robert Filmer gezeichnet hat.
Der Robert Filmer des John Locke ist ein Obskurantist, der mit Bibelversen um sich werfend die Menschheit zur ewigen Sklaverei verdammt. Die Theorie Filmers nach Locke lautet: Als Adam geschaffen wurde, erhielt er unbeschränktes Herrschaftsrecht auf dieser Erde inklusive über die eigenen Nachkommen. Dieses Herrschaftsrecht übertrug sich dann auf einige seiner Söhne, wenn auch aus irgendeinem Grund nicht auf andere, und so ging es die Generationen hinunter, wodurch die heutigen Könige die Legitimation ihrer Herrschaft aus dieser ursprünglichen väterlichen Autorität Adams beziehen.
Das ist so weit von Robert Filmer entfernt, daß eine ernsthafte Beschäftigung mit der ersten der beiden Abhandlungen Lockes darauf hinausläuft, Seite für Seite stupide zu wiederholen, daß Locke völlig an Filmer vorbeiargumentiert. Dabei zitiert Locke Filmer ausführlich, Stelle für Stelle. Entweder also hat Locke Filmer nicht verstanden, oder aber, er hat ihn nur zu gut verstanden.
Es ist aber trotzdem erhellend, wie Locke versucht, Filmer zu Leibe zu rücken. Locke versucht Filmer gemäß der Gesellschaftsvertragstheorien seiner Zeit zu widerlegen. Diese waren ja nicht einfach die Fiktion, daß irgendwann alle irgendwie einer bestimmten Regierungsform zugestimmt hätten. Sie waren der Versuch aus der Annahme des Naturrechtes ein Gemeinwesen durch Rechtsübertragungen juristisch zu konstruieren. Die Idee lautete: Im Naturzustand hat der Mensch durch das Naturrecht bestimmte Rechte und diese Rechte kann er übertragen. Dadurch entsteht das Gemeinwesen. Diese Rechtsübertragungen sind dann auch genauso zu prüfen, wie Juristen das bis heute lernen. Hatte der Mensch das Recht, welches er übertragen wollte, überhaupt? Durfte er es rechtmäßig übertragen? Hat er es dann auch übertragen?
In seiner zweiten Abhandlung etwa bestreitet Locke die Möglichkeit rechtmäßig die Verfügung über das eigene Leben und die eigene Freiheit an einen anderen zu übertragen. Deshalb sind Todesstrafe und Sklaverei bei Locke nicht aus einer Rechtsübertragung der ihnen Unterworfenen, sondern durch die Übertragung des Jedermannsrecht zur Bestrafung im Naturzustand durch die anderen Mitglieder der Gesellschaft konstruiert.1
Locke prüft nun auch auf diese Weise die souveräne Gewalt Adams, in mehreren Kapiteln geht er der Frage nach, wie Adam sie erhalten haben könnte. Danach prüft er, ob Adam sie übertragen hat, und wenn ja an wen. Wenig verwunderlich kommt Locke zu dem Ergebnis, daß Adam erst einmal gar keine souveräne Gewalt inne gehabt hatte und daß sich wenn er sie gehabt hätte, keine Erblinie feststellen lasse, die zu den gerade aktuell auf dem Thron sitzenden Herrschern führt.
Das einzige Problem ist, daß Filmer nicht nur kein Gesellschaftsvertragstheoretiker ist, sondern die Gesellschaftsvertragstheorie gleich zu Beginn seines Buches zerreißt. Übrigens ein bemerkenswertes Zeugnis des Zeitgeistes. Wir schimpfen heute über Konservative, die sich linke Prämissen zu eigen machen und dann versuchen auf die Bremse zu treten. Da liest man die folgenden Zeilen, mit denen die Patriarcha beginnt und sieht, daß es schon damals nicht anders war:
„Seit der Zeit, daß die Schultheologie zu erblühen begann, hat sich die verbreitete Meinung erhalten, sowohl bei den Theologen, als auch bei verschiedenen anderen gelehrten Männern, welche erklärt, die Menschheit ist von Natur begabt und geboren mit Freiheit von aller Unterwerfung, und mit der Befugnis sich jedwede Regierungsform auszusuchen, welche ihr genehm sei: Und daß die Macht die nur irgendein Mann über einen anderen hat, zuerst vom Willen der Menge verliehen wurde.“
Nach einer Aufzählung verschiedener Autoren und Kontroversen der Zeit fährt Filmer fort:
„Und obwohl Sir John Heywood, Adam Blackwood, John Barclay, und einige andere gelehrsam sowohl Buchanan als auch Parsons widerlegt haben, und tapfer das Recht der Könige in den meisten Punkten verteidigten, haben alle von ihnen, sobald es zum Argument kam, welches aus der natürlichen Freiheit und Gleichheit der Menschheit abgeleitet wird, diese Wahrheit einhellig für unzweifelhaft erklärt, sie nicht ein einziges Mal bestritten oder widerlegt; wobei falls sie dieses erste irreführende Prinzip widerlegt hätten, so wäre das ganze Gefüge dieser großen Maschine der Volksaufstände in sich selbst zusammengefallen.“2
Adam spielt bei Filmer eine viel geringere Rolle, als bei Locke. Ganze 25 Mal taucht der Name unter den 27.000 Wörtern der Patriarcha auf, während er unter den mehr als 100.000 Wörtern, die Locke zu ihrer Widerlegung verspritzt hat, ganze 404 Mal niedergeschrieben ist. Fast ein halbes Prozent der beiden Abhandlungen Lockes ist nur der Name Adams. Es gibt Biographien, die mit dem Namen ihres Protagonisten sparsamer umgehen.
Neema Parvini hat kürzlich darauf verwiesen, daß man die Person Adams aus Filmers Buch auch streichen und durch Grug den Höhlenmenschen ersetzen könnte3. Adam ist bei Filmer nicht der Ursprung einer Kette von Rechtsübertragungen, sondern Symbol für die menschliche Frühzeit. Denn Filmer argumentiert nicht religiös, oder zumindest nicht mehr, als zu seiner Zeit üblich war. Filmer denkt historisch, wirklich historisch, nicht bloß als Chronologie, sondern in geschichtlichen Entwicklungen. Während Locke als Kind seiner Zeit denkt und als Kind seiner Zeit die monarchische Ordnung durch die damalige Denkmode des Gesellschaftsvertrages unterminiert, ist Filmer, ihr Verteidiger, seiner Zeit im Denken weit voraus. Sein ist das Schicksal der Eule Minervas, die ihren Flug erst in der Dämmerung beginnt. Ohne es selbst zu begreifen steht Filmer am Ausgang von fünf Jahrtausenden agrarisch geprägter Menschheitsgeschichte.
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