Fragen zur Zeit

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Die Mühlen der Wissenschaft

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Johannes Konstantin Poensgen
Mai 14, 2026
∙ Bezahlt

Genetik macht Völkerkunde beweisbar. Wissenschaftssoziologisch ist das ein riesiger Unterschied. Wenn wir über Metapolitik reden, dann ist die Humangenetik eines der interessantesten Felder überhaupt.

(James Watson, Mitentdecker der Doppelhelixstruktur der DNS. Später als Rassist verfehmt: National Cancer Institute, Public domain, via Wikimedia Commons)

Ich gebe ja zu, daß eine der kleinen Freuden meines Lebens darin besteht, Recht zu behalten. Vor fast zehn Jahren schrieb ich in der Dezemberausgabe der Sezession über die politischen Folgen der damals absehbaren Entwicklung der Humangenetik:

„Der eines Giordano Bruno würdigen Standhaftigkeit dieser Wissenschaftler wird es zu verdanken sein, wenn in zwanzig Jahren jeder, der behauptet, daß alle Menschen gleich geschaffen seien, angeschaut wird, als hätte er gesagt, die Sonne drehe sich um die Erde.
Sie haben diese Behauptung nicht nur als offenkundigen Unfug zurückgewiesen, sondern begründet, warum sie falsch ist und wie es sich stattdessen verhält. Die akademischen Mühlen mahlen langsam und oft stockend, aber wenn sie einmal mahlen, dann mahlen sie gründlich. Es ist dadurch möglich geworden, die gefährlichste Lüge der Moderne auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.“1

Inzwischen sind wir an dem Punkt angelangt, daß der jüdisch-amerikanische Genetiker David Reich, Direktor des David Reich Lab in Harvard, dem mit Abstand größten Genlabor für Archäogenetik, kürzlich einräumen mußte, daß in Westeurasien während der letzten 10.000 Jahre massive evolutionäre Veränderungen in der menschlichen DNA stattgefunden haben, die eben nicht bloß körperliche, sondern auch geistige Merkmale betreffen und von gesteigerter Intelligenz bis zu verringerter Anfälligkeit für Schizophrenie reichen.2

Ich sage „einräumen mußte“. Das sehen David Reich et al. sicherlich etwas anders. Aber es ist unverkennbar eine Flucht nach vorn. Die saftig rote Kirsche auf dieser Sahnetorte ist, daß der Genetiker Davide Piffer und andere, die in der Vergangenheit aufgrund ihrer Ansichten nicht unbedingt eine Professur und ein Labor in Harvard bekommen haben, nun Reich und seinen Mitarbeitern vorwerfen, ihr Werk plagiiert zu haben.3 Er und Emil Kirkegaard haben Ähnliches bereits 2024 in einem Papier veröffentlicht4, wurden aber nicht zitiert.

Aber lassen wir einmal die amüsante Tatsache beiseite, daß sich einer der angesehensten Vertreter der etablierten Wissenschaft nun vorwerfen lassen muß, Leute plagiiert zu haben, die von eben dieser etablierten Wissenschaft als Internetrassisten abgetan werden. Es ist ja nicht so, als ob das nicht angekündigt worden wäre. Ab 2023 machte ein Zitat der Osteologin (Knochenforscherin) Rebecca Redfern und des Genetikers Thomas Booth die Runde:

„Prehistory was and is being increasingly used by nationalist and right-wing extremists to support their world-views, and they challenge the scientific evidence for past population diversity, often directly with researchers on social media. Moreover, certain groups of right-wing and nationalist extremists have developed a sophisticated understanding of DNA that often surpasses archaeologists or museum professionals.“5

Die beiden Forscher hatten sich nicht entblödet, ihr Kapitel für eines der prestigeträchtigen Routledge-Handbücher mit einem Eingeständnis ihrer Privilegien als weiße Mittelschichtler mit akademischem Abschluß und ohne Behinderungen zu versehen. Zur Balance sei ihr Text deshalb „informiert vom schwarzen feministischen archäologischen Denken und der Notwendigkeit, Weißheit in der Archäologie zu dezentralisieren“. Die 15 Minuten Ruhm, die das Internet jedem von uns gewährt, waren für Redfern und Booth eine Lachnummer auf ihre Kosten.

Die relevantere Frage wäre: Was tut’s zur Sache? Nicht ob Reich et al. die wissenschaftliche Zitationspflicht eingehalten haben, sondern die ganze Genetik. Und da spalten sich ja die Geister. Es gibt bis heute einen weitverbreiteten Widerwillen gegen „Biologismus“. Es ist dabei nicht immer klar, was mit diesem Wort gemeint ist, aber es ist ein allgemeiner Widerwille dagegen, daß aus biologischen Erkenntnissen irgendetwas über die Natur des Menschseins im Sinne dessen gesagt wird, was man die conditio humana nennt. Ähnlichen Widerwillen gibt es gegenüber solchen Ableitungen aus der Physik, der Mathematik oder überhaupt aller harten Wissenschaften.

Ich persönlich halte nichts von diesem Abwehrreflex. Es ist einer der Glaubenssätze meines Weltbildes, daß der Kosmos holistisch ist. Daraus folgt meiner Ansicht nach, daß es kein höheres und niederes Wissen gibt. Wenn mir dann noch jemand verkaufen will, daß das niedere Wissen alles sei, was sich beweisen, berechnen oder empirisch belegen läßt, während das höhere Wissen allein in poetischen Sprachbildern vermittelbar sei, dann werde ich sehr schnell sehr mißtrauisch.

Aber es gibt auch einen ganz praktischen Einwand gegen die politische Relevanz der Genetik, und den hat kürzlich Gerhard Vierfuß in einem Kommentar zu dem Vortrag, den Mathilda Huss kürzlich in Freiberg gehalten hat6, formuliert. Er schreibt:

„Ich bin bekanntlich ein vehementer Kritiker des Biologismus, also der Reduktion des Menschen auf seine Materie. [...] Vor drei Jahren schrieb ich hier auf X zum Thema Biologie: ‚Sie liefert uns überhaupt keine relevanten Erkenntnisse für die Politik. Alle Erkenntnisse der Genetik bestätigen nur, was die Psychologen bzw. die Volks- und Völkerkundler schon vorher wußten.‘ Das sehe ich auch heute noch so. Dennoch ist – wenn wir uns dieses Verhältnis vor Augen halten – die wissenschaftliche Genetik wichtig: Denn indem sie die Erkenntnisse der Psychologie und der Völkerkunde bestätigt, stärkt sie deren Argumente und präzisiert sie zugleich. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, zu glauben und gar zu verkünden, die Biologie entdecke uns eine neue Wahrheit über den Menschen.“7

Hier sind zwei Kritikpunkte enthalten, die man voneinander unterscheiden muß.

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