Einer Leiche macht man keinen Prozeß
Die Universität Cambridge hat noch einmal Glück gehabt. Jason Arday ist tot. Wahrscheinlich Selbstmord. Statt Untersuchungen gibt es nun eine Märtyrergeschichte.
(Jason Arday 2024: ConiferousForest19, CC0, via Wikimedia Commons)
Um es den tränendrückenden Heuchlern gleich ins Gesicht zu sagen: Jason Arday hat seinen Lebensweg und seine Leistungen so dreist zusammengelogen, daß er nicht mal in der AfD Nordrhein-Westfalen aufgenommen worden wäre. Die Copy-Paste-Dissertation dieses Dr. Summa Cum Fraude ist da nur die Kirsche auf der Torte. Die Lügengeschichten reichen von angeblichen sportlichen Spitzenleistungen (30 Marathonläufe in 35 Tagen) bis hin zu den Banalitäten seines Lebenslaufes. Nathan Cofnas1 und Edward Dutton2 haben zu diesem Thema alles gesagt, was es zu sagen gibt.
Das läßt nur zwei Deutungen der Lebensgeschichte Ardays zu: Entweder er war ein skrupelloser Betrüger. In dem Falle müssen uns seine Angehörigen leidtun, vor allem die beiden Kinder, die er zurückläßt. Er selbst kann dann wirklich nur sehr bedingtes Mitleid erwarten. Oder aber er war psychisch so labil, daß man ihn bezüglich seiner Betrügereien als schuldunfähig zu betrachten hätte. Auf letzteres wollte bereits vor zwei Wochen Ardays Cambridge-Kollege Professor Simon Baron-Cohen hinaus: „We should of course always investigate plagiarism to protect academic standards. However, I cannot stand by and watch when an autistic man is on the ground and the kicking continues.“3
Nun, wenn das der Fall sein sollte, dann liegt die moralische Verantwortung allein bei den Herrschaften in Cambridge, Simon Baron-Cohen und Kollegen, die sich in diesem Falle einen psychisch Kranken als Diversity Hire gehalten hätten. Verantwortlich sind sie aber so oder so. Die einzige Frage ist, ob der Betrug auch Jason Arday selbst zurechenbar ist und das obliegt nun keinem irdischen Richter mehr. Daß Jason Arday ein Diversity Hire war, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. In der Mitteilung der Universität Cambridge über die Einstellung Ardays als Professor lautet der erste Satz: „Arday is a highly respected scholar of race, inequality and education, with a particular interest in improving the representation of Black, Asian and Minority Ethnic people in higher education.“4
Nur, um eine Sache gleich klarzustellen: „improving the representation of Black, Asian and Minority Ethnic people“ heißt nichts anderes, als daß diese Leute trotz niedriger Leistungen Studienplätze und irgendwann auch Lehrstühle erhalten, die sonst an Weiße gegangen wären. Wie Versicherungsbetrug oder Steuerhinterziehung ist auch Diversity, Equity and Inclusion kein opferloses Verbrechen, nur weil man die Opfer nicht sieht. Das sind echte Lebenswege von echten Menschen, die dadurch zerschlagen wurden und werden. Jacob Savage hat die Schäden zur Genüge aufgezählt. Für viele weiße Männer der Millenialgeneration sind diese Schäden auch nie wieder gutzumachen. Das Leben ist weitergegangen und die Zeit in der sie ihren Durchbruch hätten haben müssen, ist verstrichen.5 Und da sind wir noch nicht bei denjenigen, wie Nathan Cofnas, die es trotzdem geschafft haben und dann gecancelt wurden.
Daß genau diejenigen, die den Mob an der Universität als politisches Engagement gefeiert haben, sich über eine Rufmordkampagne aufregen, ist das eine. Wäre Arday ein gerissener Betrüger gewesen, ein moderner Comte de Saint Germain, der die klügsten Köpfe seiner Zeit an der Nase herumführt, dann wäre das Gegreine seiner Unterstützer einfach peinlich. Wenn man aber begreift, daß all diese Leute gewußt haben müssen, was es mit Ardays angeblichen Leistungen auf sich hatte, und daran gibt es nach den Veröffentlichungen durch Nathan Cofnas keinen Zweifel mehr, dann erhält es auf einmal eine sehr finstere Note.
Man muß hier zwischen Ardays Familie und seinen Kollegen unterscheiden. Auch wenn beide das gleiche behaupten, nämlich, daß Arday durch eine Lügenkampagne in den Tod getrieben wurde. Sofern es die Familie betrifft, muß man ihnen das Recht auf eine Lebenslüge zugestehen. Insbesondere, da Arday zwei Kinder hinterläßt. Soll man denen jetzt sagen: „Euer Vater war ein Betrüger und ein Narzißt, und als sein Betrug aufgeflogen ist, hat er sich umgebracht?“ Ich denke, diese Frage beantwortet sich von selbst.
Etwas ganz anderes ist es bei Ardays akademischen Kollegen. Die BBC hat ein Video eines solchen Mannes veröffentlicht, bei dem sich einem der Magen umdreht. Merkwürdigerweise mit Gesicht, aber ohne Namen. Dieser Mann tritt als persönlicher Freund auf, der mit Arday bis kurz vor seinem Tod in Kontakt war, und erzählt uns, wie die Kampagne gegen ihn Arday mitgenommen habe und wie schlimm der Presserummel gewesen sei. Daß auch er selbst um die hundert Presseanfragen erhalten habe, ob er Ardays Lebenslauf kommentieren könnte.
Wie wäre es, wenn der Herr genau damit einmal anfängt? Wir dürfen diesen Gestalten nicht zugestehen, sich in der Pose trauernder Freunde und Kollegen zu verschanzen. In Cambridge hat man von Ardays Betrügereien gewußt, und man hat sie gedeckt. Die Leute, die jetzt Trauer tragen, sind auch die großen Profiteure von Ardays Tod. Denn einer Leiche macht man keinen Prozeß mehr. Und wo kein Prozess, da bleiben auch die anderen Leichen in ihren Kellern.


