Eindrücke von einer Hochzeit: Es gibt Deutsche, Dänen, Griechen, Finnen, und es gibt Westler und Weiße. Aber keine Europäer.

Ich war vor einiger Zeit auf einer Hochzeit. Das Brautpaar und die Gäste gehörten mehrheitlich zu dem, was man die global professional class nennt. Der Bräutigam war Däne, die Braut Amerikanerin, und die Trauung fand in Deutschland statt. Die Gäste bestanden also vor allem aus Dänen, Amerikanern und Deutschen. Dazu gab es Europäer verschiedenster Nationalität. Von Finnland bis Griechenland war alles vertreten. Es war eine faszinierende Gelegenheit, die ethnischen Dynamiken in der Gesellschaftsklasse zu beobachten, die zwar nicht direkt Führungsschicht ist, aber aus der sich die Führung rekrutiert. Die nicht herrschende Elite, in der Sprache Paretos.
Es gab auf dieser Hochzeit, was nicht weiter verwunderlich ist, drei erkennbare ethnische Gruppen mit eigener Gruppendynamik: die Dänen, die Amerikaner und die Deutschen, die sich untereinander in ihrer jeweiligen Landessprache unterhielten. Die Verkehrssprache der Veranstaltung war natürlich Englisch, aber die Amerikaner waren trotzdem als eigene Gruppe erkennbar, und zwar auch diejenigen unter ihnen, die nicht zur Familie der Braut gehörten. Um jedes Klischee zu bedienen, hatte ein Unternehmer aus dem Silicon Valley ein Spiel entwickelt, das ich nur als seine Variante des Pokers beschreiben kann, und er schaffte es, an diesem Abend in seinem eigenen Spiel mehrere hundert Dollar zu verlieren.
Was, wenn man ein Auge dafür hatte, sehr sichtbar fehlte, waren Europäer. Also Europäer als geographische Herkunftsbezeichnung gab es genug: Leute, die auf dem europäischen Kontinent geboren waren. Aber es gab keine Gruppe von Europäern. Im Gegensatz zur Traumvorstellung hobbymäßiger Europastrategen rotteten sich die Dänen und Deutschen, der Grieche und der Finne nicht zu einer gemeinsamen Front gegen den amerikanischen Besatzer zusammen. Jetzt einmal abgesehen davon, daß sie untereinander nur auf Englisch hätten reden können – na ja, der Finne sprach ganz gut Deutsch. Diese Leute hatten untereinander nichts gemeinsam, was sie nicht auch mit den Amerikanern gemeinsam gehabt hätten. Sie waren alle Westler, aber da gibt es keine Untersparte „Europäer“.
Unter rechten Vertretern der europäischen Einheitsidee wird oft das Dreiebenenmodell der Identität Alain de Benoists zitiert. Demzufolge hat der Europäer drei Identitätsebenen: regionale Identität, nationale Identität und europäische Identität. Der Taschenspielertrick dieses Modells ist freilich, daß die Frage der politischen Souveränität zwischen nationalstaatlicher und EU-Ebene verschleiert wird, indem man sie als Identitätsfrage umformuliert. Aber prinzipiell ist dieses Dreiebenenmodell natürlich richtig und sogar verallgemeinerbar auf alle Menschen, die irgendeiner Zivilisation angehören. Auch Chinesen, Inder oder Perser haben eine regionale Identität, eine nationale Identität und eine Identität als Angehörige einer Zivilisation.
Nur ist unser Kulturkreis nicht Europa, sondern der Westen. Dazu gehört das geographische Europa dazu, ist aber innerhalb dessen nicht abgrenzbar, und vor allem ist Europa keine Identitätskonzeption, die jenseits ideologischer Proklamationen gegen den Westen ausgespielt werden kann. Wenn einem hier das Wort Westen nicht paßt, dann nenne man es von mir aus Okzident oder Abendland. Nur macht man sich dabei zum Trottel, weil beide Worte nichts anderes als Westen bedeuten. Das Abendland heißt nicht deshalb Abendland, weil die Abendsonne hier so viel schöner scheint als im Morgenland, sondern weil Abend und Morgen in der deutschen Sprache früher als Synonyme für die Himmelsrichtungen Westen und Osten gebraucht wurden. Spenglers Untergang des Abendlandes ist mit Decline of the West völlig richtig übersetzt.
Wenn ein Deutscher in Dubai oder Singapur in eine Bar geht und dort einen Franzosen, einen Spanier, einen US-Amerikaner und einen Neuseeländer trifft, dann kann er sich gleichermaßen zu jedem von denen hinsetzen. Die gemeinsame Sprache wird Englisch sein, so wie es in anderen Zeitaltern Französisch oder Latein gewesen wäre, und die gemeinsamen kulturellen Referenzpunkte, die jünger als hundert Jahre sind, werden nicht ausschließlich, aber zu guten Teilen amerikanischer Herkunft sein.
Das ist die Gemeinschaft eines wirklich existierenden Kulturkreises. Die Masseneinwanderung hat in den Ländern der westlichen Zivilisation eine große Zahl Fremder angesiedelt, die aber durchaus zum guten Teil kulturell angegliedert werden, was immer das dann konkret heißt. Dadurch ist die weiße Rasse, die es als biologische Tatsache natürlich schon vorher gab, zu einem Politikum und einer eigenen Gruppenidentifikation mit real existierender Basis geworden. Gegenüber den Wirklichkeiten von westlicher Zivilisation und weißer Rasse haben Beschwörungen von Europa den Charakter bloßer politischer Konstruktionen.
Es gibt aber einen Ort auf diesem Planeten, an dem Europäer als beobachtbare soziale Gruppe künstlich geschaffen werden: Brüssel. Das ist einer der gefährlichsten Aspekte der Europäischen Union. In Brüssel schaffen die Institutionen der EU durch die sozialen Dynamiken eines gemeinsamen Arbeitsplatzes dieselbe Art von Gemeinschaft, die jeder Arbeitsplatz erzeugt. Man arbeitet in denselben Gebäuden, ärgert sich über denselben Hausmeister, geht nach der Arbeit in dieselben Kneipen und besucht denselben Firmenfeste und Empfänge. Diese Gemeinschaft ist durchaus partei- und fraktionsübergreifend und spielt für die Domestizierung politischer Fundamentalopposition durch das Parlament eine entscheidende Rolle. Aber das Phänomen an sich ist nicht auf Brüssel beschränkt. Ich war vor kurzem im Landtag von Rheinland-Pfalz, und da gibt es einen „Landtagsgriechen“, ein griechisches Restaurant, das von Angehörigen aller Fraktionen besucht wird, einfach weil es vom Landtag aus in zwei Minuten zu Fuß erreichbar ist. Was aber spezifisch für Brüssel ist, ist die Neigung, diese Gemeinschaft von Arbeitskollegen für eine einen Kontinent umfassende Zusammengehörigkeit aller Europäer zu halten. Kein Abgeordneter eines nationalen Parlamentes verwechselt auf diese Weise den Bartresen im Parlamentskeller mit der Nation.
Folgt nun aus dieser Nichtexistenz von Europa als vom Westen abgrenzbarer Identität die ewige Nibelungentreue zu Washington? Denn das ist doch, seien wir ehrlich, die Triebfeder all dieser Europäer von rechts: Sie wollen eine Alternative zum transatlantischen Bündnis. Sie sind nicht eines Morgens voller brüderlicher Liebe zu Franzosen und Polen aufgewacht.
Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie man die politischen Entwicklungstendenzen unserer Zeit deutet. Wenn wir in eine Epoche von Zivilisationsstaaten schreiten, dann wäre unser Zivilisationsstaat der westliche und dessen unangefochtener Hegemon die Vereinigten Staaten von Amerika. Ich halte es gegenüber dieser These mit Wilhelm Hankel, der bemerkte, daß es nach dieser Logik nur noch Dinosaurier gäbe und die Eidechsen alle ausgestorben sein müßten. Man kann die politische Souveränität beim Nationalstaat belassen, auch wenn Intellektuelle seit über hundert Jahren dessen Ende herbeischreiben. Angesichts des sich abzeichnenden Massenaussterbens überlebter politischer Formen bin ich lieber Eidechse als Dinosaurier.
Als 1871 das Deutsche Reich vereinigt wurde, hätte mancher Bayer lieber ein unabhängiges Bayern behalten. Das mag man richtig oder falsch finden, es war eine mögliche Position. Ein gemeinsames Deutschland aus Bayern, Baden, dem Rheinland und Hamburg gegen Preußen wäre eine Absurdität gewesen, und als solche wurde es auch erst 1949 gegründet. Eine solche Absurdität ist aber ein antiwestliches, antiamerikanisches Europa. Nicht einmal die Kultur, die vielbeschworene, gewänne daran. Man reduziere einmal die europäische Kultur auf alles, was die Europäer untereinander, aber nicht mit den Amerikanern gemeinsam haben. Es blieben uns: Brigitte Bardot und Fußball. Das wäre ein bißchen wenig.

