Katastrophal schlecht, doch ungefähr richtig - Der Rape Gang Inquiry Report
Der Bericht über die Grooming Gangs in England wird zu Recht in Grund und Boden kritisiert. Trotz schwerer handwerklicher Fehler scheinen die Zahlen aber in der richtigen Größenordnung zu sein.
(Rupert Lowe, Initiator des Rape Gang Inquiry: ©House of Commons / Laurie Noble, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)
Man hätte diese Peinlichkeit so einfach vermeiden können. Der „Rape Gang Inquiry Report“1ist ja erklärtermaßen nicht der Abschlußbericht des „Rape Gang Inquiry“, einer mit Spendenmitteln aufgestellten privaten Untersuchungskommission zu den so genannten „Grooming Gangs“. Banden, die in überwältigender Mehrheit aus Muslimen bestehen und darunter wieder zum größten Teil aus Pakistan stammen. Die Opfer dieser Gruppen sind mehrheitlich weiße britische Mädchen aus der Arbeiterschicht im Alter zwischen 11 und 16 Jahren. Der Ausdruck „Grooming Gang“ stammt daher, daß die Groomer sich diese oft vernachlässigten Mädchen mit Geschenken oder einfach Aufmerksamkeit gewogen machen, bevor sie sie in Abhängigkeitsverhältnisse bringen, vergewaltigen und prostituieren. Die einzelnen Schicksale der Opfer können sehr unterschiedlich sein. Gemeinsam haben sie alle die gruppenmäßig organisierte sexuelle Ausbeutung Minderjähriger.
Mit über 700.000 Pfund an bisher gesammelten Geldern beabsichtigt die Kommission unter der Ägide des Abgeordneten und Restore Britain-Gründers Rupert Lowe ihre Arbeit noch lange fortzusetzen. Diese private Initiative kam zustande, nachdem die Labourregierung unter Keir Starmer einen offiziellen Untersuchungsausschuß zur Erfassung der Grooming Gangs abgelehnt hatte. Unter dem Druck berief die britische Regierung dann doch eine Untersuchungskommission ein, die allerdings explizit nicht das Mandat hat, die Vorgänge national aufzuklären und auf einzelne Gegenden beschränkt bleiben wird, welche sie mit der Regierung absprechen muß.2
Eine solche private Kommission handelt unter deutlich schwierigeren Bedingungen als eine offizielle. Zum einen hat sie nicht das Recht, Zeugen vorzuladen, und kann niemanden unter Eid vernehmen. Zum anderen wird sie nicht durch den Staat finanziert und muß Spendengelder eintreiben. Das letztere bedeutet natürlich, daß sie medial viel präsenter auftreten muss und sich nicht zwei oder drei Jahre hinsetzen kann, um dann einen Schlußbericht zu veröffentlichen.
Das alles muß man zur Verteidigung des „Rape Gang Inquiry Reports“ anführen. Dennoch: Was hier abgeliefert wurde, ist eine Katastrophe. Falls man politisch oder finanziell unter Veröffentlichungsdruck stand, hätte man einen deutlich kürzeren vorläufigen Bericht oder einfach die Sammlung der Aussagen von Opfern und Whistleblowern veröffentlichen können, die sowieso 114 der 219 Seiten dieses Berichtes ausmachen. Die dort geschilderten Schicksale sind vielfach entsetzlich. Doch die Frage, wie verbreitet diese Grooming Gangs sind und in welcher Größenordnung sich die wahrscheinliche Opferzahl bewegt, wird unter dem Titel „Overview of Crimes“ auf 6 Seiten abgehandelt. Dazu der Appendix IV, der nichts anderes als eine Liste mit 149 Distrikten ist, in denen Grooming Gangs operiert haben, und 11 Counties, in denen man es vermutet. Ohne jede Erklärung, was hier überhaupt dokumentiert oder gemessen wurde. Über die Herkunft der Täter gibt es unter dem Titel „Demographics and Culture“ 10 Seiten. Beides zusammen hat also eine Seite weniger als die 18 über islamische Theologie. Was die inhaltlichen Fragen nach den Zahlen der Täter und Opfer sowie deren Herkunft betrifft, so ist eine Methodik schon deshalb nicht gegeben, weil dieser Bericht gar keine selbständige Untersuchung dazu dokumentiert, sondern bloße Recherche aus anderen Quellen.
So kommt es dann dazu, daß gleich am Anfang die Behauptung steht, die wir nun überprüfen müssen. Es habe mindestens 250.000 Opfer von Grooming Gangs gegeben. Zu Beginn der Zusammenfassung leistet sich dieser Bericht bereits folgenden Schnitzer. Dort steht: „It has been previously established that, at the very least, 250,000 young white girls have been subjected to repeated rape, gang rape, trafficking, torture, pregnancy, forced Islamic conversion, and lifelong trauma.“3 Belegt ist diese Behauptung mit einer Fußnote. Nicht mit Fußnote 137, bei der man ja nachsichtig sein könnte, wenn der Beleg nicht gut paßt, sondern mit Fußnote 1. Diese verweist auf eine Rede, die Lord Pearson of Rannoch am 14. Mai 2019 im britischen Oberhaus gehalten hat. Über Unterstützungsprojekte für Opfer sexuellen Mißbrauchs sagte er: „Therefore, the basic support seems to be running at some £7.2 million per annum, and that is for the victims of all sexual abuse, not just for the 250,000 victims of radical Muslim grooming gangs, which in itself is probably an underestimate. I say that because, if you take the accepted figure of 1,400 victims in Rotherham alone and extend it across the country, you come to a much larger figure. Indeed, Rotherham’s MP, the courageous Sarah Champion, has put the figure at 1 million.“4 Wer diesen Bericht liest und anfängt, ihn zu überprüfen, soll sich gleich am Anfang für die wichtigste Aussage mit der Autorität einer Parlamentsrede abspeisen lassen. Wer sich so etwas leistet, hat für alles weitere jeden Vertrauensvorschuß verspielt. Ich selbst habe nun fast drei Tage darin investiert, diesem Bericht gerecht zu werden; damit dürfte ich aber in der deutlichen Minderheit der Leser sein.
Die Zahl selbst beruht darauf, die Mißbrauchszahlen im Rotherham-Skandal auf das gesamte Land hochzurechnen. Die Idee, Rotherham auf diese Weise hochzurechnen, stammt, soweit es mir gelungen ist, sie zurückzuverfolgen, aus dem Jahr 2016. Sie findet sich in dem Buch „Easy Meat“ von Peter McLoughlin. McLoughlin schätzte die Gesamtopferzahl auf 100.000, schloß aber auch die Zahl von einer Million der Abgeordneten Sarah Champion nicht aus.5 McLoughlin, das ist hier ganz entscheidend, war der Auffassung, daß Rotherham und die dortigen Verantwortlichen vom politischen System zum Sündenbock gemacht worden waren, um die Grooming Gangs als lokales Phänomen darzustellen. Gingen wir davon aus, daß das Ausmaß der Grooming Gangs in Rotherham typisch für das gesamte Vereinigte Königreich wäre, dann kämen wir bei 1.400 Opfern im Bezirk Rotherham mit damals 258.400 Einwohnern durch einen einfachen Dreisatz auf 352.000 Opfer unter den damals 65 Millionen Einwohnern des Großbritanniens. Insofern ist McLoughlin durchaus vorsichtig gewesen, und auch die 250.000 von Lord Pearson of Rannoch sind noch unter dem, was eine unreflektierte Hochrechnung ergäbe. Nebenbei: Eine so nachvollziehbare Rechnung suchen Sie im gesamten „Rape Gang Inquiry Report“ vergebens.
Zunächst einmal: Grooming Gangs sind natürlich kein auf Rotherham beschränktes Phänomen, das ist schon aus der Tatsache offenkundig, daß es eine Reihe von Verurteilungen aus anderen Städten gibt. Schon McLoughlin konnte 2016 auf entsprechende Verurteilungen in 28 unterschiedlichen Städten innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte verweisen.6 Was nun den Versuch anbelangt, Rotherham hochzurechnen, so stößt man auf zwei Faktoren, die den Schätzwert herabsenken und einen Faktor, der ihn heraufsetzt:
Die Zahlen aus Rotherham beruhen auf dem bekannten Jay-Report von 2014 unter der Leitung von Alexis Jay, die bis dahin die Chefinspektorin für Sozialarbeit in Schottland gewesen war. Dieser war zu 1.400 Fällen zwischen 1997 und 2013 gekommen. Es handelt sich hier selbst um einen Schätzwert. Nach Angabe des Jay-Reports um einen konservativen Schätzwert. Doch um einen Schätzwert. Jay und ihre Kommission waren dazu gekommen, indem sie sich von 988 Kindern, die von den Sozialdiensten unter dem Verweis von „Child Sexual Exploitation“ vermerkt worden waren, die Akten geben ließen.7 „Child Sexual Exploitation“8 ist kein strafrechtlicher Begriff, sondern stammt aus der Sozialarbeit, und ein Verweis („referral“) ist die Vermutung eines Sozialarbeiters, daß ein Kind oder Jugendlicher mißbraucht wird oder in Gefahr ist, mißbraucht zu werden. Die Kommission um Jay las aus diesen 988 Akten 66 nach dem Zufallsprinzip. Bei allen bis auf zweien kam die Kommission zu dem Schluß, daß Child Sexual Exploitation stattgefunden habe. Nach Gegenprüfung mit Sitzungsprotokollen von Sozialdiensten kam die Kommission dann auf den Schätzwert von 1.400. Will man diese Zahl dann auf ganz Großbritannien hochrechnen, dann hat man folgendes Problem. Grooming Gangs sind Organisationen. Ebenso ist die Duldung oder sogar Förderung solcher Gangs wie in Rotherham ein organisiertes Phänomen. Das heißt, daß man Grooming Gangs nicht, wie Taschendiebstahl, einfach mit der Einwohnerzahl skalieren kann, auch nicht mit der Zahl der muslimischen oder pakistanischen Einwohner. Ist an einem Ort die kriminelle Organisation vorhanden, dann müssen die Zahlen signifikant höher sein als an einem Ort, an dem sie es nicht ist. Dabei ist auch nicht Organisation gleich Organisation. Eine Gang von einigen Leuten, die auf sich allein gestellt ist, ist etwas anderes als eine, die Unterstützung oder gar Kunden in der lokalen Politik hat und gut in der ethnischen Politik ihrer Viertel vernetzt ist.
Die Unsicherheit, wie klar Jay et al. die Fälle eingeordnet haben und was genau im Einzelfall mit „Child Sexual Exploitation“ gemeint ist, sowie die Schwierigkeiten, den Grad der Organisation zu berücksichtigen, setzen den Schätzwert herab. Heraufsetzen müssen wir ihn freilich um der allgemeinen Dunkelziffer nicht erfaßter Fälle willen, die das Problem mit sich bringt, daß man sie selbst nur schätzen kann. Von all diesen Problemen steht im Rape Gang Inquiry Report nichts. Man erfährt nicht einmal, wie die wichtigste Zahl, auf der alles beruht, die 1.400 aus Rotherham, zustande kam.
McLoughlins Zahl von 100.000 scheint ein guter ungefährer Startpunkt zu sein, und ja, damit ist auch 250.000 nicht so weit weg. Aber wir müssen ehrlicherweise zugeben, daß wir es einfach nicht wissen. Deshalb ist es umso schädlicher, wenn ein Bericht, der als große Aufklärung verkauft wird, auf dünnster Basis und mit offenkundigen handwerklichen Fehlern 250.000 als Mindestgröße verkauft. Solange man nicht die Macht hat, die Leugnung dieser 250.000 unter Strafe zu stellen, macht man sich damit lächerlich. Die Folge ist dann, daß jede Zahl signifikant unter 250.000 für die Verantwortlichen als entlastend wirkt.
Es ist nicht das erste Mal in letzter Zeit, daß bei rechten Großprojekten mit richtig guter Grundidee Fehler passieren, bei denen man sich nur an den Kopf fassen kann. Wie gesagt, hätte man einfach erst einmal ein „Witness Testimony“ veröffentlicht, bis man einen präsentablen Endbericht hat, dann wäre das alles ja nicht dramatisch. Der Gruppe um Rupert Lowe muß man zugute halten, daß Lowe nebenbei auch noch eine neue Partei aufzubauen hat. Ein Blick auf die Liste der Autoren und Editoren zeigt schon, daß das Projekt des Rape Gang Inquiry rasch aus dem Boden gestampft wurde. Damit steht es nicht allein da. Es bleibt zu hoffen, daß derartige Peinlichkeiten zur Zeit Wachstumsschmerzen sind.
Mc Loughlin, Peter (2016): Easy Meat, Inside Britain’s grooming Gang Scandal, S. 97.
Mc Loughlin, Peter (2016): Easy Meat, Inside Britain’s grooming Gang Scandal, S. 95.


