Fragen zur Zeit

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Nichts passiert jemals, bis es passiert

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Johannes Konstantin Poensgen
Apr. 22, 2026
∙ Bezahlt

Neema Parvini hat einen großen Sieg verkündet: Der real existierende Trumpismus hat seine Elitentheorie bestätigt. Vielleicht. Aber auch er liegt einem Denkfehler auf.

(Bild: Grok)

Ich selbst bin ja ein Fan von Neema Parvini, oder Academic Agent, aber ich hasse diese YouTube-Pseudonyme, und zwar weil man sie nicht als Eigennamen verwenden kann. Es ist dann „the Academic Agent“ oder „der Schattenmacher“. Warum können die Leute sich als Pseudonym nicht mehr Publius Cincinnatus nennen, wie die amerikanischen Gründerväter, wenn sie ein Pamphlet anonym veröffentlichen wollten? Aber genug der Kulturkritik. Was die Elitentheorie anbelangt, bin ich sehr weitgehend auf Parvinis Seite. Nieder mit dem Slopulismus!

Soweit, so gut. Aber Parvini verkündet nun, daß der Verlauf der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps ihn in einer Vorhersage bestätigt.1 Parvini hatte sich vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl mit der These aus dem Fenster gelehnt: Das System will Trump. Oder lassen wir ihn seine Position selbst zu überprüfbaren Hypothesen zusammenfassen:

  1. Das manageriale Regime hatte bereits Mitte 2024 signalisiert, daß eine zweite Amtszeit Trumps tolerierbar – vielleicht sogar nützlich verwertbar – sei und daß es sie mit minimalen Kontroversen erlauben würde.

  2. Trump würde als Rekrutierungshilfe dienen, indem er die Unzufriedenheit der (überproportional weißen) Unterschicht in Einschreibungen beim Militär ableitet, um dessen chronische Mängel zu beheben und damit sie wieder in seinen Kriegen sterben können.

  3. Schlüsselteile der Milliardärseliten, vor allem die des proisraelischen Netzwerkes, hatten nach dem 7. Oktober 2023 ihre Unterstützung zu Trump verschoben oder intensiviert; dadurch machten sie die Neuausrichtung der Spender zu einem materiellen Faktor der Wahl.

Als Gegenposition führt Parvini den Anwalt, Unternehmer und Autor Charles Haywood an, der Begründer einer Denkrichtung ist, die von Haywood selbst als Foundationalism bezeichnet wird. Haywoods Aussagen vor der Wahl faßt Parvini ebenfalls zu drei überprüfbaren Hypothesen zusammen:

  1. Ein entscheidender Sieg Trumps oder der Republikaner würde erhebliche Ausmaße an Straßengewalt oder Krawallen von einem den George-Floyd-Unruhen 2020 vergleichbaren Umfang auslösen.

  2. Die Demokraten würden im großen Stile betrügen, ausreichend, um das Ergebnis in ernsthafte Zweifel zu ziehen oder um eine ordnungsgemäße Bestätigung zu verhindern.

  3. Israel und die mit ihm verbundenen Spendernetzwerke sind „weniger mächtig als linke Ideologie“ und „orthogonal“ zur „Links-Rechts-Achse“.

Das scheint nun in der Tat entschieden zu sein. Donald Trump hat gewonnen; es gab kaum Gewalt bei seiner zweiten Amtsübernahme. Kein Wahlbetrug in nennenswertem Ausmaß. Nur ist das Ergebnis nicht das, was sich die meisten Unterstützer Donald Trumps gewünscht haben. Die zionistischen Eliten, die ihn finanzierten oder zu ihm überliefen, haben ihren Wunschzettel abgearbeitet bekommen, einschließlich des langersehnten Krieges gegen den Iran, für den der auf Trumps Wahl folgende 15-Jahres-Rekord in den Rekrutierungsämtern gerade rechtzeitig kam. Wer sich von Trump versprochen hatte, daß er irgend etwas gegen die Einwanderung oder überhaupt irgend etwas im Interesse seiner weißen Basis unternehmen würde, dem bleibt nichts, als seinen Frust auf Twitter hinauszuschreien, während Trump Netanjahu den Stuhl geraderückt.

Parvini will diesen Sieg als Triumph nicht seiner Prognosen zu einem bestimmten Ereignis, sondern seiner Methode und ihrer Grundannahmen verstehen:

„Dies war nie bloß eine persönliche Meinungsverschiedenheit. Es spiegelte zwei einander widersprechende Konzeptionen von Macht wider. Haywood ging von der Annahme aus, daß Ideologie primär sei und die Macht der Ideologie folge. Er erwartete entscheidende Freund-Feind-Brüche, wenn das Regime sich bedroht fühlen würde. Mein Ansatz, begründet in Pareto und Burnham, bestand darauf, daß Macht primär sei und Ideologie der Macht folge. Das Ergebnis von 2024 war ein Lehrbuchbeispiel für letzteres: ein gemanagter populistischer Sieg, der den managerialen Kern weitgehend unversehrt gelassen hat, während er seine nützlichen Energien für militärische Rekrutierung und regionale Abschreckung nutzt.“

Parvini beansprucht, auf ganzer Linie bestätigt zu sein, und das ist das Problem, denn die ganze Linie beinhaltet hier ziemlich viel. Darin enthalten ist Grundsätzliches zur Bedeutung von Macht und Ideologie für die politische Praxis, zum Verhältnis zwischen Elite und Masse, zur Reaktion managerialer politischer Systeme auf populistische Herausforderer und schließlich zur Wahrscheinlichkeit des Abgleitens eines ebensolchen Systems in Gewalt. Aber auch sehr spezifische, zeit- und ortsgebundene Aussagen zur Macht der Israellobby in den Vereinigten Staaten. Um das auseinanderzudröseln, fangen wir mit einer Prognose Parvinis an, die jünger ist und sich nicht bestätigt hat. Am Dienstag, den 24. Februar 2026, schrieb er auf Twitter:

„Eine weitere Woche, in der alle Geopolitikexperten sagten, es werde dieses Wochenende Krieg mit dem Iran geben (dieses ist gerade verstrichen); eine weitere, in der ich sagte: ‚Nein, wenn der Gottimperator des Nichts passiert jemals (Trump) den unsterblichen Fürsten des Nichts passiert jemals (den Ayatollah) trifft, dann passiert nichts jemals.‘ Nichts passierte.“

Vier Tage später passierte dann doch etwas.

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