Christian Illners „Die Tiefe Rechte“: Für so ein kleines Büchlein ist es sehr schwer, der tiefen Rechten gerecht zu werden.
(Bildmontage: Fragen zur Zeit; Christian Illner: © Christian Illner, Niagarafälle: Frederic Edwin Church, Public domain, via Wikimedia Commons)
Christian Illner hat sich damit Lob und Bewunderung ebenso redlich verdient, wie Hohn und Hass. Das ist sehr selten. In diesem absurden Kontrast habe ich es noch bei keinem Buch erlebt. Es kommt oft vor, daß ein Autor sich übernimmt, nach einem zur Hälfte gelungenen Werk über die Grenzen seines Wissens hinausgeht, oder aber versucht, Schlußfolgerungen aus seinem Material zu melken, die das Material einfach nicht hergibt. Keines von beidem wäre etwas Besonderes, aber keines von beidem kann man Illner vorwerfen. Der Grund für dieses Nebeneinander aus Klarheit und Obskurantismus, Güte und Gift liegt in Hegels Ausspruch, die Eule der Minerva beginne ihren Flug erst in der Dämmerung, die so manchem Denker zum Fluch wurde. Nächste Woche werden wir hier einen anderen Denker behandeln, dem dies auf eine ganz andere Weise, in ganz anderen historischen Dimensionen zum Schicksal wurde: Robert Filmer. Filmers Tragik liegt in nicht weniger, als daß er am Ausgang von 5000 Jahren agrarischer Hochkultur geschrieben hat, kurz bevor die industrielle Revolution seine historische Ableitung der königlichen Autorität von der väterlichen, eine Theorie, gegen die John Locke nur die Polemik gegen einen Strohmann blieb, obsolet machte.
Illner steht, wie wir alle gerade, an der zeitlichen Scheidelinie einer politischen Bewegung. Zukünftige Geistesgeschichtler werden vor diesem Buch und den Reaktionen darauf vermutlich ziemlich verwirrt dastehen, wenn sie nicht mit den Details jedes einzelnen Jahres, vielleicht der einzelnen Monate, vertraut sein werden. Das zumindest hat „Die Tiefe Rechte“ mit so manchem Buch der 1920er gemeinsam.
Was ist nun der Stein des Anstoßes?
Es ist, daß Illner als Forderung für die Zukunft aufstellt, was einordnender Rückblick hätte sein sollen. Ein herrischer Befehlston mißklingt an einer Stelle, die der Platz für Erinnerung, Verstehen und auch Verzeihen gewesen wäre. Was Illner nun, da es am Ende seiner natürlichen Entwicklung angekommen ist, die Gefährtenschaft genannt hat, das haben wir gelebt.
Doch von Anfang an:
Illner will Wege des Zusammenlebens innerhalb der Rechten aufzeigen.
Dazu stellt er die Frage, was das Rechte denn sei, verwirft diese Frage und ersetzt sie durch die Frage, wer die Rechten sind. Die Antwort: Wir. Wir sind die Rechten. Also die, die „in die rechte Ecke gestellt wurden“ und dann in dieses Sein als Rechte einspringen. Das scheint verrückt. Illner verweigert, der Rechten einen Inhalt zu geben, aber dennoch sollen wir die Rechten sein? Wenn er nicht sagt, was denn bitte rechts ist, wie soll man dann sagen können, wer rechts ist?
Das Rätsel löst sich, wenn man versteht, daß Illner über das ganze Buch konsequent eine Betrachtung der Vergangenheit als Forderung in die Zukunft projiziert. Illners rechtes Wir ist vorhanden. Es ist eine Gruppe von Personen, die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren als rechte Gefährtenschaft einen gemeinsamen Weg gegangen ist. Rückblickend können wir sagen, wer hier dazugehört und wer nicht. Wer dabei war, war dabei. Das ist ganz einfach.
Die Anzahl der betreffenden Gefährten ist auch sehr überschaubar. Es sind ein bisschen mehr als neun, doch daß es diese Gefährtenschaft so geben konnte, lag ganz wesentlich daran, daß die Zahl aller halbwegs relevanten Leute innerhalb von Dunbars Zahl lag. Es dürfte sehr schwer sein, zwei Personen zu finden, die irgendwann mal dabei waren und mehr als einen einzigen gemeinsamen Bekannten auseinanderliegen.
Diese Gefährtenschaft bestimmt sich durch ihre gemeinsame Vergangenheit. Es braucht keine gemeinsame Weltanschauung, schon gar kein gemeinsames Programm. Es ergibt sich über die gemeinsame Geschichte auch dann, wenn man sich seither inhaltlich zerstritten hat oder einander sogar persönlich haßt. Was beides innerhalb dieser Gefährtenschaft auch zur Genüge passiert ist. Diese Bestimmung durch die gemeinsame Vergangenheit funktioniert aber natürlich nur im Rückblick, niemals beim Blick in die Zukunft. Es ist eine Perspektivenfrage. Und die zeitlichen Perspektiven sind beides Blicke aus der Gegenwart. Eine nach vorn, eine andere zurück.
Es ist eigentlich sehr simpel: Es gibt zwei nichtbiologische Arten von Bestimmungen des Wirs. Eine blickt in die Zukunft und beruht auf gemeinsamen Zielen. Eine blickt in die Vergangenheit und beruht auf einer gemeinsamen Geschichte. Das biologische Wir ist noch einmal eine eigene Sache, es ist mehr als eine bloße Reproduktionsgemeinschaft, aber das würde hier zu weit führen.
Illner spielt das Wir der gemeinsamen Vergangenheit, in seinen Worten die „real existierende rechte Gefährtenschaft“1 gegen das Wir der gemeinsamen Zukunft aus. Letzteres läßt Illner gar nicht als Wir gelten, sondern im Gegenteil: Es ist ihm ein Trick, mit dem sich das Ich vom Wir zu emanzipieren versucht.
„Durch dieses Manöver emanzipiert sich der einzelne Rechte von den Ansprüchen eines rechten Wirs und erringt die Freiheit, sich nach eigenen Interessen ein Wir zu wählen. Identität aber ist in ihrem innersten Kern ungewählt: Man muß schon jemand sein, Eigenschaften und Willen haben, um überhaupt wählen zu können. Die Identität geht der Identitätswahl damit voraus, leitet sie an und bindet sie an sich zurück.“2
Das stimmt tatsächlich. Illner beschreibt hier vollkommen richtig das Wir in der Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jedes Wir hat Herkunft, und wenn es ein Wir bleiben soll, dann braucht es Zukunft. Das kennt jeder, der einmal in einer Gefährtenschaft im Wortsinne war: Einer Gruppe, die gemeinsam auf Fahrt geht. Die Gefährtenschaft besteht einmal durch den bisher gemeinsam gegangenen Weg. Ziele sind aus dieser Perspektive irrelevant. Man kann sich auch gemeinsam verlaufen haben. Gleichzeitig besteht die Gefährtenschaft durch das gemeinsame Ziel. Was Illner stört, ist, daß die Zukunft der Gefährtenschaft nicht so unverrücklich feststeht wie ihre Vergangenheit. Das haben Vergangenheit und Zukunft nun mal so an sich. Wer auf kalter Straße im Regen auf einmal beschließt, daß er lieber zu Hause wäre, der steht trotzdem erst einmal auf kalter Straße im Regen. Aber er kann sich entschließen, nicht mehr mitzugehen. Oder er kann sich entschließen, irgendwo anders hinzugehen. Nicht auf diesen Gipfel, sondern auf jenen. Ob es in einer bestimmten Situation vertretbar ist, einfach zu gehen, das steht auf einem anderen Blatt. Aber auch die Frage, wer hier wen verläßt oder eben im Stich läßt, die ist jenseits der Metaphern eben nicht so einfach.
Aber Illner will nicht, daß die Gefährtenschaft auch zerbrechen kann. „Wer mitwirken will, muß jetzt anfangen, die Gefährtenschaft zu verinnerlichen und sich als Teil von ihr zu betrachten. Für eine Leugnung des rechten Wirs ist hier kein Platz. Es muß unhintergehbar werden.“3 fordert er. Unhintergehbar aber ist nur die Vergangenheit. Wer eine unhintergehbare Gefährtenschaft will, bekommt ein Fossil.
Die Gefährtenschaft kann nicht unhintergehbar sein, wenn sie die andere Forderung erfüllen soll, die Illner an sie heranträgt: die der Offenheit. Illner sieht, daß die Rechte zwar Ziele hat, vor allem negative Ziele, wie den großen Austausch aufhalten. Aber sich nicht auf ein gemeinsames Endziel einigen könnte. Diese Leere sieht er nicht als einen Raum, in den er selbst nun einen Entwurf hineinzutragen hätte, der dann gegen alle anderen durchzusetzen wäre, sondern als eine Offenheit für die Zukunft, die erst kommen wird. Das ist eine der beiden großen Stärken von Illners Denken, daß er, hier mehr Schüler Hegels als Heideggers, versteht, daß das Wahre das Ganze und zwar das Ganze in der Zeit ist:
„Die Gefährtenschaft ist ihr eigener Anfang, ihr eigener Weg und ihr eigenes Ziel in einem. Doch statt diese drei Zustände in ein Einerlei zu verquirlen, richtet diese Dreieinigkeit die Gefährtenschaft aus, indem sie deren zeitliche Momente auffaltet und diese ins je eigene Recht bringt. Vergleichbar ist das mit dem Wachstum eines Baumes, das sich vom Stadium des Samens bis zum Stadium des voll ausgeformten Baumes erstreckt. In gewisser Weise enthält der Samen dabei bereits Wachstum und Baum. Jedes der drei Elemente enthält die beiden anderen, doch sie können einander nur enthalten, indem sie füreinander zurücktreten. Der Samen muß sich ins Wachstum aufheben lassen und das Wachstum fügt sich in den reifen Baum.“4
Dieses Zitat ist lupenreiner Hegelianismus und selbst das Beispiel ist dem von Knospe, Blüte und Frucht aus der Vorrede zur „Phänomenologie des Geistes“ nachempfunden.5
Doch jenseits geistesgeschichtlicher Ahnenforschung: Nur so kann überhaupt eine Bewegung verstanden werden, die in historischen Umbrüchen zu leben und zu kämpfen hat. Hegels Denken wäre nie zu dem geworden, was es war, wenn Hegel die französische Revolution und die napoleonischen Kriege nicht durchlebt hätte, und der junge Hegel, der in Tübingen einen Freiheitsbaum pflanzte, hätte sich wohl über den Staatsdenker der preußischen Monarchie gewundert. Dennoch ist das ein Leben und ein Denkweg.
Wir leben mitten in einer Umbruchszeit, und das heißt, daß auch unsere Rolle in dieser Zeit uns selbst noch gar nicht vollkommen klar sein kann. In dieser werdenden Bewegung, als die Illner die Rechte faßt, steht dann sein verbundenes Gegensatzpaar von tiefer und flacher Rechter. Läge die Rechte als gewordenes, Hegelianisch gesprochen als totes Resultat vor uns, dann wäre diese Unterscheidung hinfällig, beziehungsweise dann wäre sie sehr flach. Es gäbe dann nur unterschiedliche Grade des Verstehens dieses Phänomens der Rechten, so wie es Populärwissenschaft und Fachwissenschaft gibt.
Weil aber die Rechte am Werden ist, stellt sich die Lage so dar, daß sie sich auf der einen Seite mit ihrem Tagesgeschäft zu befassen hat, auf der anderen Seite aber mit den Zielen und Gründen. Illner spricht sogar von den letzten Dingen. Diese letzten Dinge müssen nun vor dem Lärm des Tages bewahrt werden, und umgekehrt darf das Werk des Tages nicht unter dem Grübeln über die letzten Dinge ersticken. Gleichzeitig soll das tiefe Denken nicht wirklichkeitsfremd und der Blick auf das Oberflächliche nicht banal sein. Ein klassisches Problem der Einheit von Identität und Unterschied.
Und Illner hat recht: Aufgehoben werden kann es nur durch eine Gefährtenschaft, Gemeinschaft, Szene, Lager, nehmen wir von mir aus den sterilen soziologischen Begriff des Milieus. In einem solchen gemeinsamen Rahmen können Dinge, die aus der Tiefe stammen, zu Voraussetzungen, zu Selbstverständlichkeiten, auch einfach zu Gewohnheiten werden. Umgekehrt verhindert die Anbindung an ein Gemeinsames, daß der Denker in die Nabelschau der eigenen Gedankenwelt abdriftet.
Die gute Nachricht ist, daß die rechte Szene, Gemeinschaft, Gefährtenschaft, wie immer man es nennen mag, der letzten 10 bis 20 Jahre diese Aufhebung zwischen flach und tief im Wesentlichen geleistet hat. Nur ist dies der Zeitpunkt, uns noch einmal mit den Worten flach und tief auseinanderzusetzen.
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