Der Fluch der schwarzen Pampe — Venezuela und das Öl
Sozialistische Mißwirtschaft? US-Sanktionen? Nichts davon erklärt allein den beispiellosen Zusammenbruch der venezolanischen Wirtschaft. Alles hängt am Öl. Am dreckigsten Öl überhaupt.
(Nicolás Maduro und Ehefrau Cilia Flores am Grab von Hugo Chávez 2016: Eneas De Troya from Mexico City, México, CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons)
Der Zusammenbruch der venezolanischen Wirtschaft von 2013 bis 2020 ist beispiellos. Ein Einbruch des Bruttoinlandsproduktes von 75 %. Ohne Krieg. Ohne Bürgerkrieg. Nicht einmal ein Staatszusammenbruch wie nach dem Ende der Sowjetunion. Es ist einzigartig.
(Grafik 1: Muci, Frank: Why did Venezuela’s economy collapse?, Economic Observatory, https://www.economicsobservatory.com/why-did-venezuelas-economy-collapse)
Die Ursache? Die Chávistas, wie man die Anhänger der venezolanischen Regierung seit Hugo Chávez nennt, behaupten, es seien die US-Sanktionen. Die einheimischen und ausländischen Gegner der venezolanischen Regierung beschuldigen vielmehr die Chávistas selbst. Ihre Korruption und sozialistische Mißwirtschaft habe das Land an den Abgrund gebracht. Daß der Verfall des Ölpreises Mitte der 10er Jahre für Venezuela eine Katastrophe war, darüber sind sich alle einig. Nicht nur stürzten die Preise. Die Produktionsmenge brach von fast 2,6 Millionen Barrel am Tag im Jahr 2014 auf etwas über 800.000 im Jahr 2024 zusammen.1 Doch etwas stimmt mit diesen Deutungen nicht. Auch andere Länder sind vom Ölexport abhängig. Auch andere Länder sind sanktioniert oder schlecht regiert. Warum hat es ausgerechnet Venezuela so hart getroffen?
Es war eine Kombination aus allen dreien. Sanktionen, Mißwirtschaft und fallende Ölpreise haben Venezuela in die Knie gezwungen. Doch auch dies hätte nie solch verheerende Auswirkungen gehabt, wenn nicht noch eine Besonderheit des venezolanischen Öls selbst dazu gekommen wäre.
Mit 300 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Größer als die Saudi-Arabiens. Manche Schätzungen gehen von über 500 Milliarden Barrel aus. Der Ölreichtum des Landes liegt zum größten Teil im Orinokogürtel, der sich südwestlich der Insel Trinidad etwas im Landesinneren Venezuelas entlang der Küste erstreckt. Am 7. Januar 1936 eröffnete hier die Standard Oil of New Jersey, eine der Nachfolgerinnen von John D. Rockefellers Standard Oil Company, die 1892 von Präsident Theodore Roosevelt im Kampf gegen die Trusts zerschlagen worden war, die erste Ölquelle. Für 44 Tage. Danach schloß man die Förderung wieder. Der Grund? Das Öl im Orinokogürtel ist extra schweres Rohöl. Man darf sich das nicht vorstellen wie in alten Filmen, in denen irgendwo in Texas der Ölprinz ein Loch bohrt und dann sprudelt das schwarze Naß nur so hervor. Das Öl Venezuelas ist eine schwarze, teerige Pampe, so dickflüssig, daß man es verdünnen oder erhitzen muß, um es überhaupt durch Pipelines transportieren zu können. Dieses extra schwere Rohöl aus dem Orinokogürtel macht heutzutage über 60 % der venezolanischen Ölförderung aus. In großem Stil gefördert wird es aber erst seit den 90er Jahren. Venezuela verfügt auch über andere Ölreservoire, um das Maracaibo-Becken und im nördlichen Monagas. Aber diese versiegen langsam, und die Ausbeutung der verbliebenen Reste wird auch immer teurer.2 Hugo Chávez und seine Nachfolger haben in Venezuela großen Schaden angerichtet. Aber zu ihrer Verteidigung muß man das auch betonen: Der Vergleich mit dem Venezuela des 20. Jahrhunderts wird der Situation nicht gerecht. Das Venezuela des 20. Jahrhunderts hat eine andere Art Öl gefördert.
Schon die bloße Förderung extra schweren Rohöls ist schwierig. Es reicht nicht, einfach ein Loch zu bohren und das Öl nach oben zu pumpen. Die gängigste Methode besteht darin, heißen Dampf in das Ölfeld zu pumpen, der das Öl erhitzt und gleichzeitig durch Druck nach oben treibt. Um die schwarze Pampe dann aber zu Benzin, Diesel und anderen Ölprodukten zu verarbeiten, braucht man spezielle Raffinerien, die teurer und technisch aufwendiger sind als bei leichtem Öl. Der Preis und der technische Aufwand – beides wurde Venezuela zum Verhängnis. Beides stand auch in Wechselwirkung zur Mißwirtschaft einerseits, den Sanktionen andererseits. Es war der perfekte Sturm.
Ohne diesen perfekten Sturm zu verstehen, kann man auch nicht die andere beispiellose Geschichte verstehen, die sich in Venezuela am vergangenen Samstag ereignet hat. Daß ein Staatsoberhaupt von einem äußeren Feind gefangen gesetzt wird, das kommt schon einmal vor. Aber daß er einfach aus der eigenen Hauptstadt entführt wird, in der seine Regierung noch an der Macht ist, das ist einmalig. Daß feindliche Hubschrauber einfach auf einer Militärbasis landen, den Staatschef entführen und mit ihm verschwinden können, setzt voraus, daß es an entscheidender Stelle Kollaborateure mit den Vereinigten Staaten gegeben haben muß. Das läßt auf tiefe Risse im venezolanischen Staat selbst schließen.
Viele sind jetzt darüber enttäuscht, daß die Vereinigten Staaten auch unter Donald Trump nicht vom Imperialismus lassen wollen. Andere feiern die Entführung Maduros, entweder als Triumph über einen sozialistischen Diktator oder als Anbruch einer multipolaren Großraumordnung, oder fanden sie einfach cool. „Fuck Yeah – MAGA!“ Diese Attitüde war nicht selten. Doch treten wir einmal vom Geschrei des Tages zurück. Die entscheidende Frage ist doch, wie es in Venezuela so weit kommen konnte, daß man diesem Staat tatsächlich einfach den Präsidenten unter der Nase weggeklaut hat. An dieser Frage entscheidet sich nämlich, was die Entführung Maduros über die Weltmachtkapazitäten der Vereinigten Staaten von Amerika aussagt – jenseits der Frage, wie es nun mit Venezuela weitergeht. Die Fuck-Yeah!-Fraktion kam schnell auf den Trichter, die Entführung Maduros mit dem vierjährigen Abnutzungskrieg der Russen in der Ukraine zu vergleichen. Motto: So macht das eine richtige Supermacht!
Das ist die Frage. Macht das so eine richtige Supermacht? Oder macht man das so mit einem Land, das so am Boden liegt wie Venezuela? Das ist ein Unterschied. Deshalb ist die Frage so wichtig, was denn den venezolanischen Absturz verursacht hat. Denn daran entscheidet sich die Frage: Könnten die USA das auch anderswo?
Als Hugo Chávez 1999 die Präsidentschaft antrat, war Venezuela in einer tiefen Krise. Im Verlauf der 1980er Jahre war der Ölpreis von über 30 auf knapp über 10 Dollar den Barrel gestürzt. Öl war und ist Venezuelas größtes Exportgut. Das Land hatte mit Inflation und hoher Korruption zu kämpfen. Kommt bekannt vor, auch wenn die Krise damals nicht annähernd so schwer war wie heute. Aber im Kern stand dieselbe Frage: Was machen wir mit den Öleinnahmen des Landes?
Daß der Rohstoffreichtum eines Landes Fluch und Segen sein kann, ist bekannt. Es ist eine gut belegte Tatsache, daß Länder mit einem hohen Rohstoffanteil am Export im Schnitt langsamer wachsen als Länder mit einem niedrigen Rohstoffanteil.3
Im wesentlichen gibt es zwei Effekte.
[Für den zweiten Teil abonnieren Sie bitte Fragen zur Zeit. Ein Vollabonnement kostet nur 7 Euro im Monat, und man braucht keine Kreditkarte mehr. Ich schreibe das nun hier extra hin weil mir immer wieder Leute kommen, die meinen, nur weil ich die Bezahlschranke nicht nach den ersten fünf Zeilen setze, sei der Text zu Ende. Wenn Sie von hier aus weiterlesen können, dann sind Sie bereits ein Vollabonnent und dürfen sich nicht angesprochen fühlen.]’




