Fragen zur Zeit

Fragen zur Zeit

Zu viele Handlungsstränge

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Johannes Konstantin Poensgen
Feb. 12, 2026
∙ Bezahlt

Was uns Game of Thrones über den Epsteinskandal lehrt.

(Bild: Grok)



Der Epsteinskandal beschäftigt die Öffentlichkeit seit nunmehr sieben Jahren. Je mehr ans Licht kommt, desto verwirrender wird es. Der Hauptgrund dafür ist, was ich die Martinüberlastung nennen will. Der Schriftsteller George R. R. Martin bringt seinen Monumentalzyklus „Das Lied von Eis und Feuer“ nicht zu Ende. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters ist es inzwischen sehr unwahrscheinlich, daß er es noch schaffen wird. Nach dem ursprünglichen Plan müßte er noch zwei weitere Bücher schreiben, es wäre bemerkenswert, wenn er noch eines hinbekäme.

Das Lied von Eis und Feuer ist von Martin ausdrücklich als Gegenentwurf zu Tolkiens „Herr der Ringe“ gedacht. An Stelle eines Kampfes der Guten gegen die Bösen wollte er eine realistische Fantasiewelt. In Tolkiens Werk werden die Bösen kaum behandelt, und die Guten stehen, jeder auf seine Weise, vor der Aufgabe, ihre Rolle im Kampf gegen das Böse zu finden. Diese Rolle ist für Aragorn anders als für Pippin und für Éowyn anders als für Faramir. Ein Charakter kann dabei auch scheitern, wie Denethor, oder zu spät einsichtig werden, wie Boromir. Aber die Grundstruktur bleibt dieselbe. Wir betrachten all diese unterschiedlichen Charaktere aus ein und derselben Perspektive: der des Kampfes der Freien Völker Mittelerdes gegen Sauron. Diese Struktur, daß alle Charaktere unter dem Gesichtspunkt eines Grundkonfliktes beleuchtet werden, ist keine Erfindung Tolkiens, sie ist die Grundstruktur, in der Menschen Geschichten erzählen. All das, was wir mal im Deutschunterricht gelernt haben, Ausgangslage, Konflikt, Spannungsbogen, das beschreibt die Art und Weise, in der Menschen Handlungen im Kopf verarbeiten. Es sind Strukturen der menschlichen Vorstellung und Erinnerung, nicht Strukturen realer Geschehnisse. Martin wollte daraus nun ausbrechen und eine Geschichte mit Charakteren schreiben, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. Daran ist er gescheitert. Denn was würde das denn erfordern? Jeder echte Mensch hat einen inneren Narrativ, eine innere Geschichte seines Lebens, dessen, was ihm so widerfährt und wie er handelt. Um nun realistische Charaktere mit je eigenen Zielen zu erschaffen, müßte der Autor die inneren Narrative von ein bis drei Dutzend Charakteren erfinden und konsistent über den Verlauf der Geschichte entwickeln. Die Ereignisse folgten dann keinem Grundkonflikt, sondern den inneren Absichten der Charaktere. Statt eines Handlungsbogens bekäme man ein Handlungsnetz. Das übersteigt das Fassungsvermögen auch des besten Autors. In jüngeren Interviews hat Martin zugegeben, daß er auf etwa 1.000 Manuskriptseiten sitzt und Kapitel um Kapitel neu schreibt, weil er feststellt, daß die gute Geschichte, die er gerade für den einen Handlungsstrang erfunden hat, im Widerspruch zu einem anderen steht.

Das ist das tiefste Problem, daß die Menschen mit den veröffentlichten Untersuchungsakten um Jeffrey Epstein haben, daß Jeffrey Epstein ein Knotenpunkt genau solch eines Handlungsnetzes war. Nun, jeder von uns ist das irgendwie. Denn die Wirklichkeit ist genau solch ein Handlungsnetz. Nur Epstein war das weit mehr als die meisten anderen und auf der höchsten Ebene der Macht.

Ein kleiner Ausschnitt: Epsteins Verbindungen mit dem britischen Politiker Peter Mandelson bringen gerade die Labourregierung an den Rand des Zusammenbruchs. Die jetzigen Anschuldigungen gegen Peter Mandelson laufen auf Verrat von marktrelevanten Staatsgeheimnissen vor allem in der großen Finanzkrise. Aber eine interessante Nebengeschichte ist, daß Jeffrey Epstein 2013 versuchte, Mandelson in den Verkauf des israelischen Ölunternehmens Paz zu involvieren und ihn zu diesem Zweck mit Ehud Barak zusammenzubringen, der damals israelischer Verteidigungsminister war.1 Im weiteren Verlauf spielte Epstein eine Rolle in der politischen Seite der Erschließung des Gasfeldes „Leviathan“ vor der israelischen Küste.2

Am 19. März 2015 besprach er sich mit einer Person, deren Name geschwärzt ist, über eine anstehende Konferenz zur Vorbereitung auf Pandemien und wie die WHO und das Rote Kreuz dazu zu bewegen seien, ihren Namen als offizielle Unterstützer dafür herzugeben.3 Im Jahr 2017 erbat die indische Regierung Epsteins Vermittlungsdienste für die anstehenden Staatsbesuche Modis in Israel und später in den Vereinigten Staaten. In einem Nachrichtenwechsel vom März 20174 zwischen Epstein und dem indischen Milliardär Anil Ambani fragt Epstein diesen erst, ob er einen Favoriten für die Personalie des US-Botschafters in Indien habe. Ambani hätte am liebsten David Petraeus, was sich nicht realisieren ließ. Dann besprechen sie ein geplantes Treffen zwischen Ambani und Ehud Barak in Paris. Später lädt Epstein Ambani zu einem Abendessen ein, welches er für die Außenminister und Botschafter bei den Vereinten Nationen organisiert. Dort soll er auch Tom Pritzker treffen. Danach geht es ans wirklich Eingemachte. Ambani schreibt im Auftrag der indischen Regierung und bittet um sofortige Vermittlung für Treffen mit Steve Bannon und Jared Kushner. Später bräuchte er auch Hilfe für ein direktes Treffen mit Trump. Epstein klärt ihn darüber auf, daß Bannon und Kushner etwa 15 Leute am Tag treffen würden und nie etwas dabei herauskäme, stattdessen empfahl er ein Treffen mit Tom Barrack, einem Immobilieninvestor und altem Vertrauten Trumps, der derzeit die Posten des amerikanischen Botschafters in der Türkei und des Sondergesandten für Syrien besetzt, aber damals ohne jedes offizielle Amt war.

[Für den zweiten Teil abonnieren Sie bitte Fragen zur Zeit. Ein Vollabonnement kostet nur 7 Euro im Monat, und man braucht keine Kreditkarte mehr. Ich schreibe das nun hier extra hin weil mir immer wieder Leute kommen, die meinen, nur weil ich die Bezahlschranke nicht nach den ersten fünf Zeilen setze, sei der Text zu Ende. Wenn Sie von hier aus weiterlesen können, dann sind Sie bereits ein Vollabonnent und dürfen sich nicht angesprochen fühlen.]’

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